Loslassen.

Diese blauen Augen, der lückenhafte Bart, die zerzausten blonden Haare… Lange Nächte mit tiefgehenden Gesprächen, sehr viel Wein und wunderbarem Sex  liegen hinter uns. Ein Jahr voller Highlights - tanzen, ob es niemand sehen würde - singen, als würde es niemand hören. Wir lebten und liebten. Ich immer ein bisschen mehr als er. Von Zeit zu Zeit wurde ich glücklicher, verliebter, doch er nicht.  
Was macht man, wenn man seine Gefühle nicht mehr erträgt und die Wahrheit nicht wahrhaben will? Genau, man läuft weg, will sich selber finden. In meinem Fall etwa 2500 Kilometer in eines der einsamsten und kältesten Länder der Welt – Finnland, der perfekte Ort um Abstand von Großstadtleben und –lieben zu nehmen. Anfänglich ist alles neu, irgendwie aufregend. Auch die Stille, selbst im Restaurant, denn der Finne redet nicht viel. Aber sobald man sich daran gewöhnt hat und auch die wundervolle Einsamkeit  nicht mehr so besonders ist, kommen die Gedanken wieder. Denn eins darf man nie vergessen, beim Weglaufen wird man von ihnen immer eingeholt  –  hart und meist nicht sonderlich herzlich. Da sind sie wieder, diese blauen Augen, die meine Welt erfüllten. Die zarte Stimme, die mich morgens aus dem Schlaf holt und mir sagt, dass ich so ungeschminkt doch viel hübscher sei als mit dem ganzen Make-Up im Gesicht. Die sanften Berührungen, die mir Gänsehaut bereiteten. Und da fange ich an zu weinen. Einsam und allein an einem wunderbar-herbstlichen Tag am See. Niemand kann mich sehen oder hören. Ein leises Schluchzen ertönt in der Stille der Natur. Die letzten Wochen verdrängen haben anscheinend prima funktioniert. Es gab keine sehnsüchtigen Gedanken an ihn, maximal ein kurzes Lächeln bei einer kleinen Erinnerung, die beiläufig durch mein Bewusstsein huschte. Nichtmals einen Traum, der eine Idylle der Liebe vorspielt und von der harten Realität des Weckers unterbrochen wird. Salzige Tränen, vermischt mit Mascara rollen über meine Wangen, fallen auf den Boden, der von buntem Laub bedeckt ist. Aber warum weine ich? Es ist doch klar, dass das alles mit uns vorbei ist. Er liebt mich nicht. Aber dafür liebte ich ihn umso mehr. Tu‘ es immer noch. Ich liebe dieses Gefühl, dass er mir jeden Tag aufs Neue gab – als sei ich etwas ganz besonderes. Und das vermisse ich. Die kleinen Dinge, die mir zeigten, dass ich ihm wichtig war. Die Flasche meines Lieblingsweins, als es mir nicht gut ging. Die kleinen Quietscheentchen zum Geburtstag, weil ich doch die süßen Entchenvideos auf YouTube so liebe. Die kleinen Gesten, die mir bewusst werden ließen, wie gut er mich kannte. Das Vertrauen, über einfach alles reden zu können - von familiären Problemen bis hin zu den absurdesten Luftschlössern. Jede Träne, die ich in diesem Moment weine, steht für einen dieser wunderbaren, unzählbaren Momente, in denen er mir zeigte, dass ich etwas ganz besonderes sei. Doch anscheinend fehlte etwas. Aus bittersüßen Tränen der Erinnerung werden solche aus Verzweiflung… Wieso nicht ich? Was fehlt ihm an mir? Bin ich nicht hübsch genug, klug genug? Die Selbstzweifel werden größer, wachsen zu einer Angst, vielleicht niemals gut genug, besonders genug für jemanden zu sein. Dass ich einfach nicht „liebenswert“ bin… Und immer noch sitze ich am See, einige Vögel stimmen in mein Geschluchze ein. Dabei klingt ihr Gesang deutlich schöner. Oh ja, schön, das ist er. In meinen Augen der schönste Mann der Welt. Doch niemals meiner, das wird mir nun endgültig klar. Also muss ich ihn vergessen. Aber ohne wegzulaufen, ohne ihn zu verdrängen. Ich muss versuchen die Geschichte zu verarbeiten um endlich bereit für etwas Neues zu sein, vielleicht jemand neuem den Versuch geben, in mein Herz zu gelangen, anstatt nur in mein Bett. Denn weiter hat es in letzter Zeit niemand geschafft. Ich möchte nicht mehr im Bett liegen, neben irgendjemandem und denken, wie schön es jetzt wäre, wenn eben er hier liegen würde. Nein, es wird Zeit im Hier und Jetzt zu leben, die Vergangenheit zur wundervollen Erinnerung verblassen zu lassen und ein neues Kapitel zu beginnen. Ein Kapitel, in welchem er nicht mehr auftauchen wird. Ich beginne zu lächeln. Die Tränen werden weniger, sind weniger verzweifelt. Hoffnung verbreitet sich in mir, die Sonne scheint heller als noch vor ein paar Minuten. Ich wische mir die letzten Tränen aus dem Gesicht, hauche ein leises aber ernst gemeintes „Danke“ in die wunderbare Stille der Natur und stehe auf. Ich habe das Gefühl, dass sich mein Aufenthalt in Finnland schon jetzt gelohnt hat. Ich bin bereit, weiter zu machen. Weiter zu machen ohne ihn, dafür mit sehr viel mehr von mir. 

24.10.14 22:25

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